Die Löcher in den Hügeln

Mortehan ist so etwas wie der Ort der Toten. Hier ganz in der Nähe, die Rue des Minières hinunter und so unmittelbar am Ufer der Semois, dass man sich fast zwangsweise vorstellt, wie sich das Wasser einen Weg in die Särge gesucht haben muss, stehen einige uralte Grabsteine, unter denen vielleicht tatsächlich Minenarbeiter ruhen, vielleicht aber auch jene, denen einige der unzähligen Gruben in den umliegenden Ardennen gehört haben. Als fremder Nichtlokalhistoriker ist das schwer zu sagen, und die Grabinschriften sind zu verwittert, um aus ihnen die Geschichte der Toten ablesen zu können.

Ardennes

Ardennes

Die Hügel in den Ardennen in der Grenzregion von Belgien, Luxemburg und Frankreich sind durchzogen von Bergwerksstollen. Die meisten von ihnen verlassen, manche, wie das eindrucksvolle Blegny nahe Lüttich oder einige kleinere Minen wie die in Bertrix sind als Museumsbergwerke zurecht gemacht.

Selbst in den Wänden der Häuser von Cointe, einem Staddteil auf einem früheren Bergwerkshügel in Lüttich, sollen sich immer wieder Risse auftun, weil tief unter den Gebäuden noch immer mittelalterliche und frühneuzeitliche Stollen einstürzen.

Blegny, Belgium

Die verlassene Basilika auf dem Hügel und einige umliegende Gebäude, etwa das alte Observatorium, sehen tatsächlich aus, als würden sie bald in sich zusammen fallen. Auch wenn die Gründe hierfür eher woanders zu suchen sein dürften – die Vorstellung, dass ein Netz brüchiger, nur zum Teil gefluteter Tunnel tief in der Erde für den erbärmlichen Zustand mancher Bauwerke dort oben verantwortlich sein könnte, regt immerhin die Fantasie an…

Hill House

Ardennes

Alte Stollen, ein brüchiges Gebäude in Cointe, eine Bergwerkskapelle und das mittlerweile verlassene Observatorium von Lüttich. In dem Boden tief unter ihm liegen vermutlich mittelalterliche Stollen, die aber mit Sicherheit nichts damit zu tun haben, dass das Gebäude heute teilweise einsturzgefährdet ist. Oder?

Jemand da draußen?

Die letzten Reisen vor dem Lockdown. Eine leere Gasse irgendwo in den Ardennen. Altertümliche Laternen, die das nasse Kopfsteinflaster einer Treppe im Regen schimmern lassen, geben der Szene etwas von Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper.

Aber muss man zu Bildern immer eine Geschichte erzählen? Auf Flickr hat das Foto oben jemand in die Richtung kommentiert, dass es die Stimmung in der herbstlichen Ardennen-Stadt richtig einfange. Das hat mich unheimlich gefreut, denn darum ging es mir, die Stimmung, die Assoziationen mit Filmszenen in meinem Kopf umzusetzen.

Liège, Belgium

Erklärungen zu Bildern können die Eigenart haben, weniger Hintergründe zu erhellen als Assoziationen zu zerstören. Persönlich geht mir das so mit den fotorealistischen Parallelwelt-Gemälden von Simon Stalenhag, auf die ich erst vor kurzem durch Tales from the Loop gestoßen bin. In seinen Büchern „The Electric State“ und „Tales from the Loop“ schreibt er Texte dazu, doch das wäre gar nicht nötig gewesen. Die Atmosphäre in seinen Bildern in den Fragen und Fantasien, die sie in meinem Kopf freisetzen. Es gibt Menschen, die Erklärungen suchen, doch mir geht es oft um den Film im Kopf, umgekehrt bei Filmen sogar vorrangig oft um die Bilder, weniger die Geschichte.

Also hier, etwas verspätet, Bilder von meinen letzten nächtlichen Ausflügen in Bouillon und Lüttich. Könnte aber auch irgendwo anders sein, irgendwann. Draußen ist es sowieso leer, im April 2020. Zeit für ein paar Bilder von Leere, Regen, Verfall zu einer Zeit von Leere, Regen, Verfall. Und ein Text, den ich mir hoffentlich hätte sparen können…

Liège, Belgium

Ardennes

Cafe Dessa

Cinema, Ardennes

Ardennes

Liège

Die Straßen von Lissabon

Lissabon, Stadt der Farben. Wie der Frühling 2019, der sich bereits im April fast südeuropäisch gibt. Grüne Wiesen und Blümchen und Bienchen bevorzuge ich für die Darstellung ja gewöhnlicherweise ebensowenig wie Pittoreskes, hier: gelbe Straßenbahnen oder azurblaues Meer. Das alles ist zwar ernsthaft schön anzusehen und zu erleben, für mein ganz persönliches Empfinden jedoch weniger interessant abzulichten, da mir die Dramatik fehlt. Lissabon ist aber auch eine Stadt der bunten Graffitis. Die Altstand ist ein Fest für die Sinne mit ihren Fassaden, Gerüchen, Genüssen, den Erinnerungen an vergangene Macht und den Gassen, die zum Meer hin abfallen, aber was mir an einem Sonntagmorgen vor einem Jahr besonders aufgefallen ist, waren die Sprühdosen-Murals an fast jeder freien, teils historischen Wand. Dieser völlig unerwartete Kontrast hat meine Bilder und meine Sicht an meinem einzigen Tag in der Stadt geprägt.

Kamera: Fuji X100, das Original, voller Gebrauchsspuren, klein, unauffällig, aber hält immer noch bei jedem Wetter und in jeder Situation.

Lisbon

Lisbon

Lisbon

Lisbon

Lisbon

Lisbon

Und am Ende doch noch eine gelbe Straßenbahn:

Lisbon

 

Profondo Rosso

Deep Red. Die Maske des Roten Todes. Der Tod weint rote Tränen. Der Tod im roten Jaguar. Gibt es eigentlich Titel in Literatur und Film, in denen Rot nicht irgendwie mit Tod in Verbindung gebracht wird? Natürlich ist der Zusammenhang offensichtlich, blutrotes Gesprenkel verspricht maximalen Exzess, gerade im Exploitation-Film machte sich das bezahlt. Rote Farbe in der Bildgestaltung, Technicolor, Kodachrome, „scarlet“-rot, beherrschte als Symbol für das Böse und Unheilvolle fast drei Jahrzehnte lang Filme der britischen Hammer-Studios, von Roger Corman (siehe hier) und später Dario Argentos Hauptwerk. Von wegen Giallo: Der italienische Psychohorror von Argento und Co. war mehr rot als gelb, wenn man unterhalb der Cover tief hineinbohrte, bevor Hollywood mit den heute noch vorherrschenden Blautönen das Genre bestimmte (siehe den Teal and Orange-Hype, bei Instagram oder 500px immer noch garantierter Abräumer). Das Blutrot in Filmen wie Die letzten Jedi, Suspiria, Climax ist dagegen heute fast Zitat und erinnert an die roten Vorhänge, Wände und Hämoglobinorgien vergangener Kinoschlächtereien. Diese filmische Prägung – „filmisch“ im Sinne von cineastisch als auch vordigitalem Medium – längt bis heute meine Aufmerksamkeit immer wieder auf rote Details. Hammer, Corman, Argento, die Rialto-Wallaces stecken mir immer in den Venen, der Kontrast zu grünen oder blauen Elementen ergibt sich fast zwanghaft. Ja, so tief sitzt das, dass ich in Lightroom immer wieder nach den filmischsten, blut- oder bordeaux-rotesten, manchmal aber auch knalligsten Tönen suche. Ich denke, manchmal hat es funktioniert…

Gaiberg, Germany

Eberbach – Tribute to Harry Gruyaert

Kodachrome-Red Hood, Heidelberg, Germany

Red

Red

Dublin, Ireland

Red

Red

Gaiberg

Lost Liège: Sacre-Coeur auf dem Hügel von Cointe

Sacre-Coeur, das heilige Herz, blutet. Jahrein, jahraus, und mit jedem Winter ein bisschen mehr, blutet die Basilika auf dem Hügel von Cointe Bäche aus Rost.

Der Grundstein für den Dom wurde 1928 gelegt. An der höchsten Stelle des Hügels von Cointe, der damals schon den gleichnamigen Stadtteil beherbergte, entstand der monumentale Bau als Teil eines weithin sichtbaren Mahnmals für den Krieg von 1914 bis 1918. Ein Krieg, der Belgien gezeichnet hatte wie kaum ein anderes Land in Europa. Der Architekt der Kirche, Joseph Smolderen, gehörte nicht zu den einheimischen Wallonen, sondern kam aus dem flandrischen Antwerpen.

Liège, Belgium

Smolderen, sich der Befindlichkeiten seiner französischsprachigen Landsleute vollkommen bewusst, wahrte denn auch die Fassade des Traditionalisten. Auf den ersten Blick kopierte er die Kuppelkonstruktionen berühmter Vorbilder aus Rom, Konstantinopel, Paris. Ganz Kind des Art Decó und des neuen, protzigen Stil des 20. Jahrhunderts, übersetzte er die Formensprachen der früheren Jahrhunderte in die granitstarrenden Dimensionen der 1920er und 30er Jahre. Mit einer Höhe von 60 Metern überragt die kleine Kathedrale noch heute alles in der Umgebung und beherrscht weithin sichtbar das Maastal.

Vor zehn Jahren: Das entweihte Innere

2008 war ich das erste Mal in Cointe, dem ehemaligen Bergwerkshügel. Damals schon war die Kirche entweiht. Feuchtigkeit, Risse und Gewächse wucherten auf den Mauern. Zufälligerweise waren die Türen gerade offen, obwohl ein großes Schild daran hing, das eindringlich vor dem Betreten warnte. Im Inneren trafen wir ein paar ältere Männer, die offenbar Bücherbestände für die umliegenden Flohmärkte unter der Kuppel horteten. Wir sahen uns nur kurz um, da wir ehrlich gesagt Angst hatten, eingeschlossen zu werden. Sicher hätte man die Galerien betreten können, doch die Treppe neben dem Beichtstuhl wirkte alles andere als Vertrauen erweckend. In den Wänden klafften Risse, an den Decken hatten sich bereits große Löcher im Putz gebildet, es roch nach alten Möbeln und Moder, und ich konnte nicht einmal Lichtschalter für die Aufgänge entdecken.

Lost Liège Blog

Dennoch könnten die wenigen, mit einer kleinen Lumix geknipsten Aufnahmen (ich war damals schon meiner schweren Canon 10D überdrüssig), heute fast historisch sein: Seit Jahren ist die Kirche nun dauerhaft geschlossen, ein hoher Bauzaun soll die Anlage zusätzlich vor Urbexern schützen. Der Verfall schreitet ungehindert fort. Trotz aller Diskussionen konnte sich die Stadt bislang offenbar nicht auf ein Konzept für das Gebäude einigen, nur der benachbarte Turm des Kriegsdenkmals wurde zwischenzeitlich renoviert.

Von dort strahlt nachts seit kurzem ein Scheinwerfer bis hinüber zur Montagne de Bueren. Sacre Coeur dagegen blutet weiter, und wenn nicht bald jemand einschreitet, dürfte das Ende nicht mehr fern sein.

Lost Liège Blog

Lost Liège Blog

Lost Liège Blog

Lost Liège Blog

Lost Liège Blog

Lost Liège Blog

Lost Liège Blog

Lost Liège Blog

Liège, Belgium

Die toten Augen von Lüttich

Mitten im sonst eher fröhlichen Karneval machten wir weitere Streifzüge durch Lüttich (Liège / Luik). Statt ausgelassenen Jecken, die auch der dem Rheinland benachbarten Wallonie nicht unbekannt sind, begegneten wir der düsteren Seite der Metropole. Den Hügel von Chartreuse flankierend, mit seinem verlassenen, baufälligen, lebensgefährlichen, aber völlig offen gelassenem Fort, liegen der Stadtteil Robermont und sein Friedhof. Dort wuchert das Moos auf in der Erde versinkenden Gräbern; oft schauen nur die Schwarzweißfotografien der Verstorbenen aus dem Gewächs hervor, und das mittlerweile seit Jahrhunderten, oft mit verblasstem Blick. Ob auch hier in der Tiefe verlassene Bergwerkstollen liegen, wie drüben in Cointe? Wäre interessant. Weiter den Hügel hinunter jedenfalls, unten im alten Zentrum, findet man die wahnwitzigen Figuren von Saint-Denis, die eigentlich keinem anderen Ziel dienen können, als Besuchern Angst und Ehrfurcht beizubringen. Wie wunderbar, wenn der monotone Schrecken moderner Neubaugebiete meilenweit entfernt scheint. Und Karneval? Pah…

Liège

Robermont

Robermont

Robermont

Liège

Liège

Liège

Die Fassaden von Lüttich, Tag und Nacht

Die Anfahrt ins Maastal säumen endlose graue Wände aus Hochhäusern. Seit jeher wirkt Lüttich auf mich deutlich größer als es eigentlich ist, ein Miniatur-Manhattan an der Maas, oder sollte ich sagen… Providence? Ich war dort so oft wie in keiner anderen ausländischen Stadt, sie gehört zu meinen frühesten Fremdsprachenbegegnungen, und mittlerweile idealisiere ich sie auch ein bisschen. Ich kenne zwar immer noch nur die Fassaden, eine faszinierende Mischung aus Betonbrutalismus, Arbeiterviertel, rotem Ziegelstein und einer ursprünglichen Altstadt mit fast englisch-nordfranzösisch aussehenden Häusern, die etwas von Hafenstadt und Soho atmen, aber genau das liebe ich. Lüttich hat sehr schöne, hippe, jugendliche Seiten, aber ich würde hier im Herbst oder Winter Lovecraft verfilmen, verfallene Kirchen und leere Gebäude gibt es ja im Überfluss. Besonders nachts: der Blick von der Spitze der Montagne de Bueren auf die Hügel und alten Türme auf der anderen Seite…

Diesmal auch mit einer Fuji XF10, dem Gegenstück zur Ricoh GR. Sie passt sogar in eine Hosentasche und hat den genialen Snapshot-Modus, weshalb ich sie als noch besser für Schnellschüsse auf der Straße geeignet empfand als die X70.

Liège

Liège

Liège

La Chartreuse 2019

Street

Liège

Liège, Belgium

Liège

Liège

Liège Nights

Lost Bergstrasse

Die Zeit, in der diese Schienen irgendwohin geführt haben, müssen lange her sein. Bäume wachsen durch die Gleise, teilweise ist die Strecke komplett im Unterholz verschwunden. Heute ziehen hier vor allem Wildschweine mit ihren Frischlingen entlang, der Boden ist an vielen Stellen aufgewühlt. Ich kann mich an Teile von Brücken erinnern, die noch Ende der Neunziger aus dem Hang ragten, und Loren, die am Abgrund stehen gelassen worden waren. Heute stechen nur noch vereinzelt rostige Eisenteile ins Nichts. Das ist das Gebiet um den Steinbruch bei Dossenheim.

Mill Valley

Ähnlich sieht es bei den alten Mühlen bei Weinheim aus, im Sechs-Mühlen-Tal. Verlassene Bänder und Fabrikgebäude im Wald. Dächer und Holz verrotten, Bäume umschlingen baufällige Gebäude.

Heute sind es nicht mehr Steinbrüche, Bergwerke und Industrie, die die Bergstraße prägen. Dort in den Wäldern versteckt sie sich heute, die „verlorene Bergstraße“…

Lost Track

Lost Track

Lost Track

Lost Track

Mill Valley

Mill Valley

Mill Valley

Nächster Halt: Dunwich

Die Straße zum Spukschloss war gesperrt. Profanere Gemüter könnten annehmen, dass die alte Piste (ausgeschildert das selbsternannte schönste Dorf der Ardennen: Celles) einfach einen längst fälligen neuen Straßenbelag erhielt. Weniger geradlinige Geister erinnerten sich wohl eher an Chateau Noisy (aka Miranda) und sein unseliges Schicksal, das über diese Route in vielleicht 20 Minuten erreichbar gewesen war, zumindest die Zäune und Mauern, die das riesige Grundstück umgaben, bevor Abrissbirnen dieser unglaublichen Inkarnation von Manderley, Sehnsuchtsort aller Urbexer, ein Ende setzten. Jene von uns jedoch, in deren frühen Jahren im Hinblick auf Literatur- und Kinoinitiation einiges schief gelaufen sein muss, werden sich beim Anblick des Nebels, der alten Mauern, der ins Nichts führenden Straße und des letzten kleinen Supermarkts am Rande des Tals eher an jene unzugänglichen Gegenden erinnert fühlen, in denen Wilbur Whateley wandelte (oder besser: watschelte?). Ein Weg tief ins Hinterland von Arkham, mit Namen wie Dunwich oder Innsmouth auf Straßenschildern, die man nicht wirklich ansehen mag, noch weniger riechen. Es sei denn, man steht auf kalte Bouillabaisse, wobei Bouillon hier ja besser passen würde.

Dinant

Nicht dass dies jemand falsch versteht. Ich liebe dieses Land. Ich liebe Belgien wegen all seiner kulinarischen und kulturellen Vorzüge und Eigenheiten, die es so unverwechselbar in Europa machen. Wo sonst gibt es Sauce Andalouse und St. Feuillien Grand Cru, wo die beste Schokolade, die besten Fritten, die besten Waffeln und das beste Bier der Welt? Eben, in Belgien. Neben weltweit bekannten Kulturmetropolen gibt es dort aber auch Dinge, die bei uns im irgendwie sterileren Deutschland seltener geworden sind. Meine Güte, wie gerne würde ich jetzt schon wieder die gepflegten Straßen Nordbadens mit ihren pseudo-modernistischen, an alles eh schon rare Historische gepappten Bausünden (siehe auch Betonplatz in meinem Wahlheimatdorf) gegen die Ziegel und den rauen Stein der Wallonie tauschen! Die Ardennen, Dinant, Lüttich, Namur – sie haben nicht nur mindestens ebenso so viel Geschichte erlebt, sie erzählen auch heute noch Geschichten und füttern zweifach in Rinderfett frittiert das kleine, hungrige Wesen namens Zirbeldrüse… verlängert durch mein Objektiv. In meiner Wahlheimat warte ich nun darauf, dass der Nebel die Wanderwegmarkierungen unkenntlich macht und die Eichen wie wankende Stumpfwesen aus Innsmouth erscheinen lässt, oder etwas Hässliches auf der Straße erscheint, das wenigstens attraktiv hässlich ist, nicht neubaugebiettauglich.

Und hier noch das an anderer Stelle fehlende Zitat, weil es so schön ist: „Wissen wäre fatal. Die Ungewissheit ist es, die uns reizt. Ein Nebel macht die Dinge wunderschön.“ –– Oscar Wilde

Dinant

Dinant

Ardennes

Dinant

Dinant

Dinant

Dinant

Ardennes

Ardennes

Ardennes

Dinant

Dinant

 

 

Der letzte Sommer

Nebel draußen. Die meiste Zeit leichter Nieselregen. In den letzten Tagen sogar etwas Frost. Eigentlich wollte ich etwas schreiben wie „endlich wieder dunkel“. Weil Herbst und Winter einfach die schöneren Zeiten zum Bilder machen sind. Dass Nebel wunderschön ist, wie Oscar Wilde gesagt hat, weil er Erzählenswertes in sich birgt, Geschichten. Nicht wie die pralle Sonne, die Dingen ihr Geheimnis nimmt, wenig übrig lässt, sämtliche Falten ausleuchtet und das Verborgene auslöscht, über das sich zu Reden lohnt. Ich muss mir schon Stephen Shore anschauen, um Sommerbilder zu mögen, kann mir kaum etwas Langweiligeres vorstellen als grünen Wald im Hochsommer. Aber dieser Sommer war anders. In der Rheinebene sah es aus wie in den trockeneren Gegenden Italiens. Wärme schon im März, so wenig Regen, wie ich es noch nie erlebt habe, braune Wiesen und Felder bis weit in den September hinein, Spätsommertage tief im Oktober. Der letzte Sommer war anders. Wir hatten schon heiße Sommer, hatten warme 3. Oktober und sonnige Novembertage. Wir hatten trockene Perioden, unerträglichere Temperaturen, erinnert euch an 2003, aber irgendwie trug der Sommer 2018 die Ahnung einer Veränderung, eines Eindrucks davon, wie die Sommer der Zukunft sein könnten. Die Sommer meiner Kinder. Der letzte Sommer war eine neue Art seinesgleichen. Endlos, mit strahlendem Himmel am Morgen und langen Abenden, mit einer fast langeiligen Beständigkeit und Zuverlässigkeit, wie wir sie uns sonst im Süden Europas vorstellen, da wo die besseren Weine entstehen und schöneren Feste gefeiert werden. Und beim Blick hinaus in den milden Winter, den Nebel, den leichten Regen, der wieder eher an dieses Land erinnert, frage ich mich, wie lang dieser Winter durchhalten wird, ob im nächsten März bereits ein weiterer dieser neuen Sommer ansteht. Vielleicht wird er anders sein, der Sommer 2019. Möglicherweise ist das sogar noch wahrscheinlich, derzeit noch, aber es schon deshalb nicht beruhigend, weil es uns weiter einlullen könnte. Ich bin mehr überzeugt denn je, der letzte Sommer war ein glühender, krächzender Weckruf. Der letzte Sommer war ein Sommer der neuen Art. Mit diesem Bildern aus dem Norden Baden-Württembergs will ich wohl am meisten mich selbst noch einmal daran erinnern, dass wir alles tun müssen, damit die Zeit, auf die wir zugehen, nicht zu unseren letzten Stunden wird.

Summer 2018

Summer 2018

Summer 2018

Summer 2018

Summer 2018

6 Rollen, 3 Filme, 2 Kameras für die Insel

Viel mehr als eine Leica ist die Yashica Electro 35 CC so etwas wie die geistige Großmutter der Fuji X100. Lichtstarkes 35mm-Objektiv und fest eingebauter Aperture Priority Mode (mh… Zeitenautomatik?), was eine Seltenheit unter den kompakten Festbrennweitenkameras ist und die Methode, mit der ich die X100 meist bediene.

Elba on Film

Angeblich eine eher seltene Variante der Yashica Electro-Serie aus den 1970er Jahren, scheint die CC doch auf Ebay immer wieder zu annehmbaren Preisen (unter 70 Euro) aufzutauchen. An den Stellen, an denen sich bei meiner der schwarze Lack löst, kommt gold leuchtendes Messing zum Vorschein. Patina, die dann wieder an bestimmte Leica-Modelle erinnert.

Elba on Film

Rückblende in den Mai. Mit der Yashica und der Trip 35 und so vielen Filmrollen wie seit 20 Jahren nicht mehr bei irgendeiner Reise auf Elba. Habe mir mit dieser Straßenausstattung eigentlich gar nicht viel versprochen. Aber bei all der mediterranen Schönheit um einen herum muss ich dann eben das allzu Schöne ein bisschen ausklammern, damit es nicht langweilig wird.

Das Schöne am Film aber ist für mich die Überraschung, die ich erlebe, wenn ich es endlich schaffe, die ganzen Negative und ein paar Positivstreifen (Ektachrome 100 mal wieder) am Reflecta 7200 zu scannen. Die Scans sind noch nicht perfekt, aber ich bin mir momentan noch nicht sicher, ob ich hier Perfektion will, und wie diese aussehen soll, vor allem mit einem abgelaufenen Ektachrome.

Weitere verwendete Filme: Portra 400 und Gold 200, den ich lange für einen Drogeriemarktfilm gehalten habe, aber sehr schöne, nicht übersättigte Farben liefert und vor allem günstig ist.

Elba on Film

Elba on Film

Elba on Film

Elba on Film

Elba on Film

Elba on Film

Elba on Film

Ektachrome Winter

Habe ich das letzte Mal geschrieben, dass Schwarzweiß befreit, weil es vom Rumfrickeln mit Farbe in Lightroom abhält?

Mit Film ist das nicht viel anders. Ich mag das Unberechenbare, Entdecken, die Überraschung. Totale Kontrolle im Post-Processing nervt, weil man eh nie zufrieden ist, wenn man alles ändern kann. Hat was Bürokratisches. Und was für eine Überraschung war dieser Film in der Olympus Trip 35: ziemlich alter Ektachrome-Diafilm mit 100 ISO.

Ektachrome Woods

Eigentlich eher ein Sommerfilm, aber hier bei Nebel und fiesem Licht hochgepitcht auf 300 ISO an der Kamera. Spielen mit ISO an der Digicam ist ja normal, aber bei Film habe ich das ehrlich gesagt noch nie ausprobiert. In den ersten 25 Jahren meines Lebens mit meinen Prakticas und Canons hatte ich einfach noch nie davon gehört, Foren und Blogs gab es ja nicht. Hätte also schief gehen können.

Ektachrome Woods

Ektachrome Woods

Umso überraschender, was der alte Reflecta RPS 7200 aus den bei DM entwickelten Positiven machte. Immer noch viel zu dunkel, zeichnete sich beim Aufhellen ohne großes Zutun ein körnig-lila-bläulich Bild aus dem Nebel, surreal, total unperfekt, aber für mich die Stimmung perfekt wiedergebend. Klar liegen da bestimmt jede Menge digitale Unzulänglichkeiten im Umgang mit dem Analogen. Aber gerade dieses fast experimentelle Ergebnis ist es, was mich begeistert und befreit. Mehr als die vorhersehbaren Resultate von anderen Photowalks: Alles auf eine Karte, im übertragenen Sinne, geil oder Müll, friss oder stirb, nichts dazwischen.

Wallacianism

Hallo, hier spricht… es war ein Mal vor langer Zeit. In den 80ern und 90ern, als Öffentlich-Rechtliche und vor allem das junge SAT.1 die alten Edgar-Wallace-Filme noch einmal aus verstaubten Kellern holten. Sogar eine VHS-Serie mit ziemlich coolen Retro-Covern gab es. Muss mich geprägt haben. Schwarzweiß, Nebel, Scheinwerferkegel, Gothik, die aus dem Finstern greift. Gerade herrscht wieder das ideale Wetter dafür. Der gezielte Einsatz von Farblosigkeit verleiht den mit verschiedenen Kameras geschossenen Bildern nicht nur mehr systemübergreifende Konsistenz, sondern befreit auch vom schmerzhaften Adjustieren der Farbpresets, mit denen ich eh nie zufrieden bin, und die mir nach ein paar Monaten immer weniger gefallen. Die Olympus Pen-F hat sogar unheimlich geniale Presets direkt eingebaut. Ansonsten waren hier wieder die X100 und RX100 dabei. Sollte nur noch schwarzweiß machen. Vielleicht ein guter Weg, einen Stil zu finden (wenn das nicht vieles langweiliger machen würde).

Kohlhof

Wallacianism

 

Nebelland

Oberhalb von etwa 300 Metern wird das langweiligste Matschwetter auf einmal interessant. An vielen Tagen im Herbst und Winter verhält sich die moderate Höhe zum Flachland wie Herbst und Winter zum Sommer: Das Leben genießt man im Tal bei Sonne und Eis, die spannenderen Motive finde ich persönlich dort, wo es kälter, dunkler, nebliger, verschneiter ist. Dies hier sind die Wälder um den Königstuhl bei Heidelberg. Ein braunvermatschtes Land aus Nebel und Schnee, bei dem ich immer eine Kamera in der Jackentasche habe wie die Fuji X100 oder die Sony RX100 (einfach, weil ich es nicht mag, wenn eine Kamera nicht in die Jackentasche passt, schlimmstenfalls noch wie eine DSLR um den Hals baumelt). X100 (und Nachfolger) sowie RX100 (und Nachfolger) ergänzen sich perfekt: Die Fuji ist einfach für die schöneren Bilder da und kann auch Bokeeeeh ganz gut. Die Sony ist besser als jedes Smartphone und wenn Weitwinkel, Zoom, Tempo zählen – und weil man sie einfach zusätzlich einstecken kann.

Blick

In den Wald

Die Villa

Der Letzte der Großen Alten

Dunkles Dinant

Dinant in der Provinz Namur in Belgien hat eine dunkle Seite, der man sich als deutscher Besucher mit einem Quäntchen Sensibilität nicht entziehen kann. Es ist mittlerweile über 100 Jahre her, doch hier, in nächster Nachbarschaft, haben einige unsere Vorfahren gezeigt, dass sie nicht nur im Dienste der SS eine Ader für abstoßend barbarische Abscheulichkeiten hatten. Erinnerungen daran findet man beinahe an jeder Ecke in den backsteinhausgesäumten Straßen der kleinen Ardennenstadt.

La nuit

Ich hatte überlegt, ob ich dies überhaupt erwähnen sollte. Immerhin sind es Gräuel einer Zeit, die zumindest bei uns mittlerweile sehr weit weg scheint. Bei unseren Gesprächen mit einigen sehr netten Menschen blieb es bei ganz normalem, eher überdurchschnittlich freundlichen Small Talk, die Vergangenheit erwähnte niemand; es war wirklich fast wie unter (guten) Nachbarn. Vielleicht auch Dank des genialen belgischen Biers, Stichwort Tripel Karmeliet… es war das Gefühl, dass uns in Europa heute mehr eint als trennt.

La nuit

Und dennoch – ich glaube, dass sich diese noch präsente Vergangenheit, ob auf den Erinnerungstafeln in der Stadt oder in meinem Kopf, auf meine Bilder ausgewirkt hat. Natürlich haben der Regen, die Wolken über dem Maastal, die dunklen Felsen, die die Häuser an den Rand des Flusses drängen, dafür gesorgt, dass die Aufnahmen noch düsterer gerieten als sonst. Natürlich wurde es in diesen späten Novembertagen viel zu früh dunkel. Dinant ist im Sommer sicherlich ganz anders und außerdem die Heimat positiv besetzter historischer Gestalten wie des Erfinders des Saxophons, Adolphe Sax. Gleichwohl kam ich an dem Denkmal direkt vor dem Fenster meines Hotelzimmers nicht vorbei, ohne daran erinnert zu werden: jene ermordete Bürger der Stadt, Zivilisten, keine Soldaten, unter ihnen Kinder und Frauen. Und es ist gut, daran erinnert zu werden. Dass es unsere eigenen Urgroßväter hätten sein können, nicht nur ein paar abstrakte Angehörige ferner Kulturen auf anderen Kontinenten, mit denen wir nichts zu tun zu haben scheinen.

Dinant und Umgebung, November 2017

La nuit

Boulevard

La nuit

La vue

Zonentrip, saftlos

Manche Kulte offenbaren sich erst spät aus dem Dunkel der analogen Vorzeit. Die Olympus Trip 35 ist so eine Maschine für mich bis dato Ahnungslosen. Mit großer Anhängerschaft und berühmten Nutzern, von der ich erst vor kurzem erfahren habe.

An mein Exemplar bin ich eher zufällig gekommen, nachdem ich zuvor die 35RC entdeckt hatte. Ich will auch ausnahmsweise gar nicht so viele Worte verlieren und lieber Bilder erzählen lassen, nur so viel: Die Trip 35 ist kein Rangefinder trotz der sehr ähnlichen Erscheinung, sondern eine beinahe klassische Point-and-Shoot mit drei gravierenden Besonderheiten.

  • Keine Batterie! Der Belichtungsmesser wird über eine Seleniumzelle versorgt. Aus heutiger Sicht unglaublich. Eine Kamera ohne Akku, was für ein technischer Fortschritt! Ich kann es gar nicht oft genug betonen. Keine Batterie. Die Implikationen dessen sind beinahe grenzenlos, eine Kamera für die Wildnis, ein mechanisches Wunderwerk.
  • Die Kamera erlaubt das manuelle Einstellen der Blende. Man muss es aber nicht. Der Automatikmodus funktioniert wunderbar. Ohne Batterie!
  • Die Kamera ist perfekt für schnelle Schüsse auf der Straße. Denn man fokussiert nicht manuell oder über einen Rangefinder, sondern mit vier verschiedenen Zonefokus-Modi von unendlich bis Portrait. Damit steht sie in unmittelbarer Konkurrenz zur Ricoh GR. Also doch deutlich vielseitiger als eine echte Point-and-Shoot.

Insgesamt kamen mir die Ergebnisse schärfer vor als mit meiner Olympus RC, obwohl die Linse sehr ähnlich zu sein scheint. Vielleicht ist einfach der Rangefinder bei der RC dejustiert.

So, und jetzt die Bilder. Ach ja, ich müsste mal den Scanner reinigen. Aber irgendwie passen die Fussel zur analog-knisternd-lomographischen Anmutung, die ich persönlich ganz gern mag.

Habe ich schon gesagt, dass die Kamera keine Batterie braucht?

Flanders on Film

Analog Trip

Analog Trip

Analog Trip

Analog Trip

Analog Trip

Analog Trip

Analog Trip

Dorfalltag, spontan

Irgendwo da draußen.

Da wäre Urlaubszeit. Wäre ich jetzt gerade im Urlaub, würde ich allerdings keine Bilder davon posten, und wenn ich aus dem Urlaub Bilder posten würde, dann nur solche, die nicht im Urlaub entstanden sind, um ja nicht zu öffentlich zu machen, dass ich im Urlaub bin. Wenn dann aber jemand denkt, der ist im Urlaub, weil er jetzt Urlaubsbilder posted… geistiger Deadlock.

Nacht

Jedenfalls sollte das eigentlich zu dem Gedanken führen, dass man nicht immer auf große Tour zu gehen braucht, um Bilder zu machen. Auf jetzt. Wenigstens das selbst gewählte Exil, das Dorf verlassen, in die große Stadt, ein paar coole Street-Aufnahmen knipsen? Nein, nicht einmal das geht immer, und vielleicht muss es auch nicht.

nacht2

Der Akt des Fotografierens steht für mich in vermeintlich unspektakulären Alltagsmomenten manchmal mehr im Mittelpunkt, als wenn ich mich der Familie oder irgendwelchen Sehenswürdigkeiten verpflichtet sehe, und er ist gleichzeitig weniger von Erwartungen gesteuert, kann also auch weniger enttäuschen. Mit der Kamera allein nachts draußen im Nebel zum Beispiel. Oder im Wald. Kreativitätssteigerung.

nacht2

Oder beim Kinderwegbringen morgens am Spielplatz vorbei, was weniger kreativ ist, dann steht der Kasten aber jedenfalls nicht so zwischen dir und deinen Kindern wie beim Schulkonzert, welches Du wieder nur durch den Sucher gesehen hast. Ich habe mir vorgenommen, das zu ändern.

Nacht der Lichter

Die Frage ist nur: Was mache ich, wenn der Aktionsradius mal wieder alltagsbedingt eingeschränkt wird? Wenn Gassi gehen oder der Weg ins Büro jeden Tag an den gleichen Ecken, Häusern, Bäumen, Wegen entlang führt? Ist dann alles irgendwann abgelutscht? Also doch besser warten bis die Freizeit reicht zum Fotos machen oder die nächste Tour ansteht?

Nacht der Lichter

Ich denke nicht. Einmal, weil zu viel Aufschieben ganz schlecht ist hinsichtlich Lebenszeitnutzung. Zum anderen, weil viele der Bilder, die mir am besten gefallen, völlig ungeplant entstanden sind, in einer 99%-Alltagsumgebung. Spontane Kreativitätsentzündung.

Nacht der Lichter

Weil zufälligerweise gerade das Wetter oder eine bestimmte Situation alltägliche Dinge auf eine interessante Weise verändert hat. Der entscheidende Augenblick ist dann nicht nur ein Wimpernschlag a la Cartier-Bresson, wenn eine Gestalt in rotem Kleid durch den Rahmen huscht und die perfekte Konstellation mit Schatten oder Hintergrund bildet, sondern eine Phase, die am nächsten Tag von einer anderen, nicht weniger interessanten Phase abgelöst wird. Werden kann. Wenn man Glück hat. Sonst gibt es kein Bild, aber so ist das halt mit diesem Hobby.

Gaiberg, Germany

Der Gedanke, dass nur der Augenblick des Ungewöhnlichen zählt, wäre ansonsten ziemlich frustrierend und kreativitätsbremsend, da ich ständig das Gefühl hätte, die richtige Sekunde verpasst zu haben, und mir nicht mehr überlegen würde, was ich in meinem Moment Neues probieren kann. Manche Leute brauchen halt etwas Zeit, selbst mit Autofocus, aber auch kein uninteressanter Gedanke auf das eigene Leben bezogen. Mein Moment also, der mich zum Fotografieren hinaus zieht, lässt mir  die Minuten, um die Schuhe anzuziehen, oder noch besser, er liegt auf dem Weg, überall, so wie gute Geschichten auf der Straße liegen (habe ich mal in meinem ersten Praktikum gehört). Wenn man sie hin wirft. Das Spontane bleibt dabei bestimmender Faktor, da es sich bei diesen für mich interessanten Momenten, die dem Alltag visuellen Charme verleihen, meistens eher nicht um berechenbare Sonnenauf- oder Untergänge handelt.

Oder?

Gaiberg, Germany

Ja, klar möchte man raus, nicht nur manchmal, selbst wenn es nicht mehr politisch korrekt ist. Oft reicht es aber, zuhause zu bleiben. Ich wollte schon immer mal die Nadel meines Plattenspielers fotografieren, wie sie durch gewelltes Vinyl walzt…

Gelbliche Schablone auf die Realität

Last-Minute GAS. Konnte kurz vor meinem letzten Urlaub einem Schnäppchen nicht widerstehen, nachdem ich zugegebenermaßen diesen amüsanten Blogpost gelesen hatte.

Ich hätte nicht gedacht, dass es in den 1970ern schon so kleine “vollwertige” Kameras gegeben hat wie die Olympus 35 RC. Wie der Autor des verlinkten Blogs hatte ich zwar zuvor auch eine X100, aber von wahren Rangefinder-Kameras praktisch keine Ahnung. Die 35 RC war angeblich die kleinste jemals hergestellte komplett manuell bedienbare Messsucher-Maschine.

Das klingt etwas umständlich, macht aber Sinn. Kameras vergleichbarer Größe wie die Konica C35, die etwas kleinere Rollei B 35 oder die schon leicht größere (aber dafür batterielose!) Olympus Trip 35 sind entweder keine richtigen Rangefinder (Rollei, Trip) oder lassen nur bedingt manuellen Eingriff (Trip, Konica) zu. Wer etwa die Konica mit der Olympus verwechselt, weil sie sich so ähnlich und fast gleich groß sind, sollte bedenken, dass bei der Konica nichts mehr läuft, sobald der Belichtungsmesser oder die Batterieelektronik kaputt ist.

Dagegen ist die Olympus eine wirklich klassische Kamera, die notfalls auch ohne so neumodischen Kram wie Belichtungsmessung funktioniert — mit “klassisch” meine ich Vollausstattung mit Blendenring und Rad für die Belichtungszeiten. Und hey — Full Frame (=Kleinbild) in dieser Größe, boah.

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Wie Leica M7, sagt Chuck Norris der Fotografie

Spätestens seit ich von William Eggleston gehört hatte, wollte ich mal einen Rangefinder ausprobieren. Hier gab es nun also eine einigermaßen ernsthafte Kamera, die so klein war, dass ich sie einfach zusätzlich einstecken konnte, zudem so billig, dass ich sie guten Gewissens einfach mal mit einer Rolle Kodak Ektachrome 100 füllen konnte, abgelaufen natürlich. Aber der klingt der wenigstens vom Namen her irgendwie nach Kodachrome, siehe wiederum Eggleston.

Ken Rockwell, auch schon mal Chuck Norris der Fotografie genannt, sagt, dass die kleine Olympus nicht nur billig ist, sondern sich auch billig anfühlt, aber immerhin den Künstler am mickrigen, etwas widerstandslosen Auslöser zu beinahe so guten Bildern beflügelt wie eine Leica M7. Heiliger Eggleston, wenn der das wüsste. Leider kann ich zu diesem Vergleich weniger sagen, weil ich weder eine M7 habe noch der RC 35 Summicron-ähnliche Bilder entlocken konnte — außer, dass das mit dem billig Anfühlen relativ ist.

Liguria on Film

Urlaubsidyll mit Gummiboot, wie aus dem Familienalbum

Ich meine, diese Kamera ist vermutlich mehr als 40 Jahre alt. Ja, sie hat das ein oder andere Plastikteilchen, allerdings möchte ich mal sehen, wie das Plastik an einer übrigens vergleichbar großen Panasonic LX100 im Jahre 2057 aussieht. Dann sind wir vermutlich immer noch nicht auf dem Mars, meine Hände können vielleicht keine Kamera mehr halten, doch funktionierende LX100 gibt es ganz bestimmt nicht mehr. Vermute ich jetzt mal. Abgesehen davon ist der Rumpf der 35 RC aus ziemlich massiv wirkendem Metall. Mein Exemplar hat ein paar kleine Dellen, vielleicht hat mal jemand Bierflaschen damit geöffnet, wofür die alte Dame sich noch immer ziemlich gut macht, im Sinne von „aussehen“, nicht Bierflaschen öffen.

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Die Treppe passend zu den Schuhen

Und die Olympus sieht nicht nur gut aus, sie fühlt sich auch gut an. Sie ist dick genug, um gut in der Hand zu liegen, unsinnigen Tand wie wulstige Griffe oder so braucht man erst gar nicht. Film einlegen und Fotografieren gehen spielend leicht, wenn man mal eine Fuji X bedient hat, und es gibt sogar einen Modus mit automatischer Blendenwahl für Schattenparker, der ausgesprochen gut funktioniert. Mein Aha-Erlebnis war allerdings der Messsucher. Mit der Praktica MTL5B habe ich als Teenager schon mal komplett manuell fokussiert, mit der Olympus OM-1 habe ich eine ähnlich betagte Spiegelreflex in Griffweite. Mit keiner (vorautomatischen) Spiegelreflex ist es hingegen so einfach, ein Bild scharf zu stellen wie mit dem Rangefinderpatch, der bei der Olympus nicht einmal besonders markant geraten ist.

Offenbarung: Messsucher / Rangefinder

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Ektachrome-Blau

Dabei fokussiert man folgendermaßen, laienhaft formuliert: Die Kamera projiziert sozusagen in die Mitte des Suchers ein kleines Geisterbild des anvisierten Objekts, das der Fotograf nun durch Drehen des Fokusrings mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung bringen muss. Man legt sozusagen eine gelbliche Schablone auf die Realität.  Am einfachsten ist das bei gutem Licht, wenn man “klare Kanten” wie etwa eine Laterne oder markante Bereiche eines Gesichts fokussiert.

Schwieriger wird es bei eher amorphen Objekten oder im Halbdunkel, gerade bei dem etwas schwächlichen Rangefindervierecks der RC 35. Das mag am Alter der Kamera liegen, aber ein Bekannter sagte mir neulich, dass dieser Messsucher immer noch klarer sei als bei seiner alten Leica M.

Wie auch immer, nachdem ich diese Kamera und die Konica C35 ausprobiert hatte, konnte ich so langsam erahnen, warum Rangefinder eine Art Kultstatus besitzen (hier ein empfehlenswertes Buch). Warum sie die bevorzugten Kameras bekannter Street-Fotografen waren, zum Teil auch wieder sind. Eben nicht nur, weil die Apparate klein und unauffällig sind und oftmals gute Linsen mitbringen, sondern weil sie auch schnell und zuverlässig belichten, was sich zuvor auf die Netzhaut des Fotografierenden gebrannt hat. Nie zuvor habe ich manuelles Fokussieren als so einfach empfunden, selbst mit dem schon ziemlich genialen digitalen Focus-Peaking einer Olympus Pen-F nicht. Hätte nicht gedacht, dass es mal so weit kommt…

Liguria on Film

Nach 20 Jahren ohne Film und einem Haufen Digitalkameras fast so etwas wie eine Offenbarung. Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass meine ersten Filmbilder nach so langer Zeit Meisterwerke geworden sind. Aber dank des alten, abgelaufenen Kodak-Films gefällt mir der Charme und die cineastisch-altmodische Atmosphäre. Im Jahre 2017 mit einer Kamera aus den 70ern und einem uralten Film Bilder zu schaffen wie im Kino, das ich liebe — mit VSCO geht das so einfach und authentisch definitiv nicht.

Liguria on Film

Viel mehr noch war aber der Vorgang des Bildermachens an sich unglaublich entspannend und back to the roots, so absolut passend zu den alten Fassaden, der Ruhe im ligurischen Hinterland und dem entfernten Geläut der Glocken.

Liguria on Film

Kein nerviges Blicken auf das Display, keine Akkuanzeige, kein surrendes Objektiv, alles so wunderbar undigital, dass sich mir tatsächlich immer wieder ein glückliches Grinsen ins Gesicht geschlichen hat.: nur die Umgebung und das Gadget in meiner Hand. Zen im Reinzustand, wenn nicht sogar Herzinfarkt-Prophylaxe, eigentlich das Gegenteil von GAS.

Der Kapitän und die Geister

Ganz normal kann das ja nicht sein, wenn man sich das Bild oben anguckt. Okay, es gibt Schlimmeres, aber das geht schon in die Richtung pathologisch.

Jedenfalls halte ich das Rangerfinder-Format mit möglichst vielen manuellen Knöpfen (also eigentlich nur die nötigsten, aber eben alle, die man braucht…) für das beste Design, wenn es um Kameras geht. Es muss nicht nur klassisch silber sein, aber ein evolutionärer Vorteil ist das definitiv, zumindest wenn es darum geht, bei mir den Vorzug gegenüber den aufgebalzten Dickgeschossen zu erhalten.

Ja, ich finde diese Kameras sexy und hoffe, dass ich jetzt nicht komisch klinge. Ich nehme sie jedenfalls nicht mit ins Bett. Meistens.

Aber worum geht es eigentlich?

Unperfektionismus

Natürlich um Kameras. Und manchmal auch darum, was man damit machen kann. Vielleicht auch noch um mehr, mal sehen, wo dieser Blog hinführt.

Vor allem geht es aber um spezielle Kameras, um ein ganz bestimmtes Format. Nach einer Vorgeschichte voller klobiger semiprofessioneller Spiegelreflexkameras habe ich mir vor Jahren eine Fujifilm X10 geholt, die für mich zunächst zur Einstiegsdroge in das Fuji X-System avancierte, dann aber viel mehr ausgelöst hat — die Sucht nach Bildern durch Kameras, die zwar Leistung und Handbedienung bei kompakter Form bieten, aber letztendlich im Gegenteil von Perfektionismus enden: Zufall. Charme. Mojo. So wie das Leben aus meiner Sicht, am schönsten, wenn es nicht perfekt ist, weil Perfektion gleichzeitig auch ein Endzustand, Starre, Langeweile ist, weil es danach einfach nichts Besseres mehr gibt, auf das ich mich freuen kann, sondern im Prinzip nur noch Absturz. Schon wieder eine Drogenanalogie.

Größenvergleich

Es muss nicht winzig sein oder auch nicht unbedingt so klein, dass man es kaum noch in der Hand halten kann – ich rede von so etwas wie einer RX100, die ich auch mal ausprobiert habe. Es muss erst recht nicht das gerade für ein paar Wochen mal wieder technisch Machbare sein, so etwa 42MP Full Frame, boah. Aber die theoretische (wenn auch praktisch nicht immer realistische) “Jackentaschentauglichkeit” bei gleichzeitigem Zauber des mechanischen Auslösers, das ist für mich der goldene Schnitt. Die beste Kamera ist die Kamera, die man immer dabei hat, sagt man. Ich würde ergänzen: die sich gut anfüllt beim Fotografieren, denn dieses gute Gefühl repliziert sich meiner Meinung nach aufs Bild. Eine DSLR ist es für mich jedenfalls nicht, bei aller verständlicher Berechtigung für diese Art von System.

Es geht aber vor allem darum,

  • dass keine Kamera perfekt und GAS ja wohl so etwas wie eine anerkannte (Sucht-) Krankheit ist, während Schreiben immer etwas Therapeutisches hat.
  • Dass bei mir noch ein paar andere alte Kameras herumfliegen, während von denen, die gegangen sind, wie bei den Geistern verblichener Hausbesitzer, immer auch ein Stück geblieben ist: Eindrücke, Erfahrungen, der Geruch alter Lederverkleidungen (puh, echt jetzt?), die ich gerne loswerden möchte.
  • Dass ich vor dem Anschaffen neuer Kameras immer wieder Tests und Foren durchwühlt habe, oftmals nur um festzustellen, dass zu jedem noch so guten Hardwaretest meistens so etwas wie das Langzeit-Gegenstück fehlt. ADAC guckt sich nochmal den Opel Kapitän an.

Das hat mich bewogen, mit diesem Blog anzufangen. Mal sehen, was daraus wird. Ich hoffe jedenfalls, dass die Reise einigermaßen spannend wird… wenn nicht, schreibe ich vielleicht morgen schon über something completely different, das behalte ich mir jetzt mal vor. Normal, ist ja mein Blog.

Made in Belgium

Der Titel ist eine Hommage an Harry Gruyaert, für mich immer noch ein absoluter Geheimtipp, aber vielleicht auch nur für mich, jedenfalls sind die Bilder auch alle in Belgien entstanden, ein wunderbares Land, in dem es nicht nur das beste Bier der Welt und viele andere schöne Dinge gibt, sondern auch unglaublich faszinierende Fotomotive, besonders in Städten wie Lüttich. Für mich liegt das an dem Anteil alter Architektur und an den Umgang damit — nicht immer liebevoll, ziemlich selbstverständlich, und im Endergebnis fast viktorianisch, Gothic Thriller, jedenfalls nicht so langweilig und profan wie bei uns.

Die Bilder sind 2016 in Flandern und Lüttich entstanden, mit meiner Olympus Pen-F sowie einer Fuji X100T und einer Panasonic GM5, die sich mittlerweile nicht mehr in meinem Arsenal befinden, aber sehr gute Kameras sind und demnächst hier ebenfalls ihren Platz finden werden.